Zu wenig ambulante Therapieplätze - und trotzdem soll sich nichts ändern

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Jedem ist inzwischen klar - und es ist überall zu lesen: Immer mehr Menschen müssen wegen psychischer Störungen in Kliniken behandelt werden. Ein Trend, den niemand verleugnen kann.

In einer Studie erklärt die Barmer Krankenkasse, dass innerhalb von zwanzig Jahren die Fälle (wobei ich nicht weiß, ob hiermit Personen oder Krankenhausbehandlungen gemeint sind - dies ging aus der Meldung nicht hervor) um 129 Prozent gestiegen sind. 1990 wurden laut Studie rund 3,7 von tausend Versicherten stationär aufgrund einer psychischen Erkrankung behandelt, 2010 waren es 8,5. Noch höher seien die Steigerungsraten bei Depressionen und anderer affektiver Störungen.

Nun ist die Barmer Versicherung der Meinung, dass die häufig stationäre Behandlung hinterfragt werden müsse - und dass die ambulante Therapie öfter ausgenutzt werden solle...

Hier kann ich nur eifrig mit dem Kopf nicken (ich kenne wenige psychisch Kranke, die gern in die Klinik oder ins Krankenhaus gehen) - und gleichzeitig jedoch vor Ärger in die Luft gehen...

Wie soll das denn unter den aktuellen ambulanten Therapie- und Betreuungsbedingungen denn funktionieren?

Wie sollen denn suizidgefährdete schwerdepressive Menschen ambulant rund um die Uhr vor sich selbst geschützt werden?
Wie soll sich ein kranker Mensch über Wasser halten, wenn teilweise über drei Monate auf einen Therapieplatz gewartet werden muss (bei Traumatherapie teilweise über einem Jahr)?
Was sollen die psychisch Kranken denn machen, wenn Beratungs-/Betreuungsstellen aufgrund des Kostendrucks in den Gemeinden und Städten - und auch Kirchen - gestrichen werden müssen?
Wie sollen sich die psychisch Kranken über Wasser halten, wenn ambulante Therapien stark begrenzt sind (Höchstzahl an Therapiestunden für  manche psychische Krankheiten zu niedrig)?
Wie soll die ambulante Versorgung von psychisch Kranken gewährleistet werden, wenn ambulante Psychiater und Neurologen im 5-Minuten-Rhythmus arbeiten müssen, um  die Patienten zu versorgen - und meist selbst wissen, dass diese Zeit schon für eine korrekte Diagnosenstellung nicht ausreicht? 
Ist den Krankenkassen klar, wie viele Patienten in die Kliniken eingewiesen werden- nur, damit endlich eine korrekte Diagnose gestellt werden kann? Eben, weil ansonsten die Zeit im ambulanten Rahmen fehlt! 

Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) fordert seit langem, die Anzahl der ambulanten Therapeutensitze zu erhöhen. Die Verhältniszahl von Psychotherapeut je Einwohner seien vor elf Jahren festgelegt worden und beruhten auf den Zulassungen bis zum 31. August 1999, so die BPtK.

Die Krankenkassen sind dagegen, verweisen auf eine Überversorgung in Städten wie Tübingen oder Freiburg und sprechen von Effizienzsteigerungsmaßnahmen. Die Barmer Versicherung fordert z.B. mehr Kurzzeit- und Gruppentherapien, um so die Wartezeiten verringern zu können.

Ich würde mir hier einfach wünschen, dass hier nicht verallgemeinert wird, sondern etwas differenzierter geschaut wird. Nicht jede psychische Krankheit ist gleich, nicht jeder kann nach demselben Prinzip behandelt werden. Eine Lungenentzündung wird auch anders behandelt wie ein Magengeschwür... nicht anders ist es bei psychischen Krankheiten.

Suizidgefährdete Menschen kann man oft nur retten, indem sie sich in eine geschützte und geschlossene Klinik begeben. Einen Entzug kann auch nicht jede/r im ambulanten Rahmen durchziehen.

Schwer psychisch Kranke wiederum können leider nicht im Hauruck-Verfahren therapiert werden. Und nicht jede/ Therapeut/in ist qualifiziert, Gruppentherapien zu leiten. Qualifizierte und seriöse Traumatherapeuten gibt es immer noch viel zu wenige - sowohl in der Klinik als auch ambulant.

Chronisch psychisch kranke Menschen dürfen zudem nicht im Stich gelassen werden. Wie viele Menschen kenne ich, denen inzwischen von der Krankenkasse die Therapiegenehmigung verweigert wird - mit dem Argument "Die psychische Krankheit ist chronisch, eine Heilung ist nicht möglich, also keine Therapie". Nicht jede/r hat das Glück, sich dann privat die eine oder andere Stunde leisten zu können - um so stabil zu bleiben. Werden körperlich chronisch Kranke eigentlich auch so behandelt? Wird diesen auch die eine oder andere Linderungsmöglichkeit (Medikamente etc.) verweigert, mit dem Argument "Heilbar ist es ja auch nicht, also halten Sie die Schmerzen ganz aus..."

Es ist sovieles im Argen...

... und die Antwort "Effizienzsteigerung" greift eindeutig zu kurz! 

Quelle: U.a. www.aerztezeitung

Anmerkung in eigener Sache:
Ich selbst bin aufgrund von Traumafolgestörungen chronisch schwerkrank, habe jedoch das große Glück, meine ambulante Traumatherapie seit Jahren selbst bezahlen zu können (wobei ich dann halt auch größere Pausen mache bzw. "strecke"...) - so kann ich auf weitere Krankenhausbehandlungen inzwischen verzichten! Aber  ohne zwei wichtige Klinikaufenthalte in einer spezialisierten Traumaklinik würde ich heute wahrscheinlich nicht mehr leben.

Und ich würde meine Krankheiten aktuell wahrscheinlich auch noch nicht ambulant bewältigen, wenn ich auch weiterhin die ambulante Therapie (Selbstzahler) und einen hervorragend psychosomatisch ausgebildeten Hausarzt nicht hätte!!!

Und ich kenne zuviele verzweifelte Menschen, die diese Unterstützung nicht haben - und dringend bräuchten!





3 Kommentare

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Hi,

habe heute dazu ein sehr interessantes Interview mit dem Präsidenten der Bundespsychotherapeutenkammer, Prof. Dr. Richter, gelesen.

Und folgendes Statement finde ich am ausschlaggebendsten:

"Wir sind etwas erstaunt, dass die Krankenkassen meinen, zu geringe Behandlungskapazitäten grundsätzlich dadurch erhöhen zu können, dass einfach kürzer und in Gruppen behandelt wird. Würden sich das die Kassen bei einer körperlichen Erkrankung trauen? Wenn die Ausgaben für Blutdruck oder Zucker senkende Medikamente zu sehr steigen, einfach die Dosis für alle reduzieren?

Ich frage mich, woher die Kassen die Kompetenz hernehmen, derart weit reichende und - wie ich meine -unzulässige Therapievorschläge zu unterbreiten. Sie übersehen dabei auch, dass schon jetzt die Hälfte der ambulanten Psychotherapien als Kurzzeittherapie mit bis zu 25 Behandlungsstunden durchgeführt wird."

(Quelle: www.aerztezeitung.de)

Übrigens noch ein Hinweis: Ich kenne einige Frauen, die bei der Barmer sehr große Schwierigkeiten hatten, eine stationäre Traumatherapie durchzusetzen. Die TK wiederum scheint da um einiges mehr zu verstehen - und sich auch bewusst zu sein, dass sich Psychotherapie lohnt!

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Tipps für diejenigen, die immer noch erfolglos auf der Suche nach einem Therapeuten sind:

a)
Fragen Sie bei den Ausbildungszentren für Psychotherapeuten nach. Diese suchen oft Patienten. Mehr Infos finden Sie unter www.dptv.de

b)
In akuten Krisen können Sie sich auch an die psychiatrischen Krisenambulanzen werden (und nein, keine Angst, man behält sie nicht gleich dort!).

c)
Fragen Sie bei Ihren Ärzten nach. Diese haben meist noch Kontakte in der Hinterhand.

d)
Und denken Sie bitte auch daran: Manchmal lohnt es sich, weiter zu fahren, um sich von einem guten/einer guten Therapeuten/in helfen zu lassen!

e) Geben Sie nach dem 20sten Nachhaken auch nicht auf!

f) Wenn Sie eine große Anzahl an Therapeuten mit Kassenzulassung angerufen haben, und ganz klar geantwortet wurde, dass nichts frei ist (oder dass er/sie diese Fälle nicht behandelt), dann dürfen Sie sich auch einen Therapeuten ohne Kassenzulassung suchen. Aber dokumentieren Sie dies auch, falls Sie gegenüber der Krankenkasse beweisen müssen, wen Sie angerufen haben. Bitte denken Sie jedoch daran, eine/n freien Therapeuten/in zu suchen, der/die Verhaltenstherapie oder Tiefenpsychologie anbietet.

g) Denken Sie auch an die Beratungsstellen (soziale, kirchliche Einrichtungen!)

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Interessanter Beitrag! Leider wird mal wieder am falschen Ende gespart, wie meistens eben. Immer schön alle Kranken in Gruppentherapien schicken... brauchen doch gerade Menschen mit psychischen Krankheiten persönliche und individuelle Hilfe... man kann nur hoffen, dass sich auch hier noch etwas ändert.