Kostspielige Widerspruchsverfahren im Gesundheitssystem

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Manche Zustände und Vorgehensweisen im deutschen Gesundheitssystem sind schlichtweg inakzeptabel. Aber leider bekommt man/frau dies erst mit, wenn sie/er krank ist und sich oft garnicht wehren kann.

Von einem dieser Zustände habe ich letzte Woche erfahren: 

Eine der wenigen psychosomatischen Kliniken/Psychiatrien in Deutschland, die auch eine stationäre Intervall-Therapie für komplex traumatisierte Patientinnen und Patienten anbietet, hat zurzeit folgendes Problem: Die Traumastation ist nur zu 50 Prozent belegt. Der Grund liegt nicht etwa in der zu geringen Nachfrage (Nein, die Wartezeiten liegen aktuell bei ca. einem halben Jahr bei Intervallern und bei über einem Jahr bei Erstaufnahme). Der Grund liegt auch nicht in der geringen Anzahl von Patienten/Patientinnen mit schweren Traumafolgestörungen in Deutschland.

Nein, der Grund liegt einzig und allein darin, dass die Gesetzlichen Krankenkassen aktuell kaum mehr eine spezielle stationäre Traumatherapie auf Erstantrag genehmigen. Meist lehnen sie ab, indem sie argumentieren, dass die ambulante Therapie ausreiche oder dass eine Reha-Behandlung indiziert sei. Bei zweiterem geht es mehr oder weniger nur darum, die Kosten für die notwendige stationäre Behandlung auf die Rentenversicherungen zu verschieben (leider kenne ich jedoch genügend komplex traumatisierte Patienten, die als nicht rehafähig gelten). Die meisten Patientinnen oder Patienten müssen daher Widerspruch gegen die Ablehnung einlegen. Ein Widerspruchsverfahren wiederum kostet Zeit, Geld und vor allem Kraft (hier wurde u.a. davon berichtet: Erfahrungen - Beantragung passende stationäre Trauma-Therapie oder Erfahrungen mit dem MDK - rechtliche Hilfe war extrem wichtig, aber auch positive Rückmeldungen wie hier Zweites stationäres Trauma-Intervall auf Anhieb genehmigt ).

Daher geben manche Patientinnen/Patienten verfrüht auf, obwohl sie die stationäre Behandlung dringend bräuchten, um eine weitere Chronifizierung der Leiden zu vermeiden. Denn leider gibt es immer noch zu wenige qualifizierte ambulante Traumatherapeutinnen/-therapeuten. Das heißt: Die Not dieser Menschen wird billigend in Kauf genommen.

Und ich kann nicht allzuviel dazu schreiben, außer: Manche Zustände und Vorgehensweisen bleiben inakzeptabel... und den Betroffenen bleibt vor allem eines:
- Nicht aufgeben!
- Sich genügend Rückendeckung durch kompetente und menschliche Ärzte und Therapeuten (gegebenenfalls auch durch Anwälte, Seelsorger etc.) holen, um den Widerspruch durchzukämpfen.

Tipps für das Widerspruchsverfahren finden Sie u.a. hier:
Widerspruch - was muss ich beachten?,
Werden Reha-Anträge ohne ärztliche Gutachten abgelehnt? oder
Mehr Ablehnungen bei Mutter bzw. Mutter-Kind-Kuren

1 Kommentare

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Traurig, aber wahr:

Da hat sich in den letzten zwei Jahren nicht viel bewegt: Immer noch sind auf manchen Trauma-Stationen nur 2/3 der Betten belegt - nicht, weil es an Betroffenen und Hilfesuchenden mangelt, sondern weil ein Großteil der Krankenkassen die notwendigen stationären Behandlungen vorerst ablehnt und damit Chronifizierungen bei den Betroffenen bewusst in Kauf nimmt.

Ich gebe zu, dass ich da - auch aufgrund der zunehmenden öffentlichen Diskussion des Thema "Sexueller Missbrauch und Traumatisierung" - bessere Zuständen erhofft habe.