Durch Wirtschaftskrise mehr BU- und EM-Rentenanträge? Sehr persönliche Sichtweise

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Letztens in einem Gespräch:
"Weißt Du, was mir ein Vertreter des Sozialverbandes erzählte? Zurzeit beantragen sehr viel mehr jüngere Leute als früher die Erwerbsminderungs- oder Berufsunfähigkeitsrente - vor allem anscheinend diejenigen, die demnächst aus dem Arbeitslosengeld 1 fallen oder eben Hartz4 bekommen."

Uff... Bisher habe ich noch keine Zahlen hierzu gefunden, werde jedoch in den nächsten Wochen einmal bei den Sozialverbänden und Rentenversicherungen nachhaken, um Fakten zu erhalten. Natürlich werde ich diese dann hier veröffentlichen. 

Gleichzeitig wundert es mich angesichts der desolaten Wirtschaftssituation eigentlich nicht, dass zunehmend (zukünftige) Hartz4-Empfänger versuchen, durch eine verfrühte Rente einer drohenden Verarmung bzw. anderen unangenehmen Situationen zu entkommen.

Moralisch wiederum empfinde ich es persönlich als völlig unangemessen, diese Rente zu beantragen, wenn man bzw. frau "eigentlich" doch noch arbeiten könnte. Ich will hier niemanden auf die Füße treten. Meine Meinung ist wie jede Meinung subjektiv und aufgrund der eigenen Erfahrungen geprägt.

Gleichzeitig kenne ich einige schwer kranke EM-Rentner, die zu gern wieder arbeiten würden, die sich lange quälten, bis sie den Antrag stellten - und die diese aktuelle Entwicklung, die EM-Rente als "sicheren Hafen" anzuzielen, als puren Hohn empfinden. Schwerkranke Menschen, die seit Jahren um die BU- oder EM-Rente kämpfen und denen bisher nicht geglaubt wurde, dürften noch viel mehr Probleme damit haben. Gegenüber anderen Hatz4-Empfängern ist es m.E. wiederum nicht fair, die versuchen, das Beste aus der Lage zu machen und diese gleichzeitig immer wieder zu verbessern durch kontinuierliche und frustrierende Arbeitssuche. Ich selbst werde wütend.

Ich habe ich selbst einige Jahre gekämpft, andere Tätigkeiten angenommen, bin später auf "niedrigere" Halbtagstätigkeiten ausgewichen, als ich gemerkt habe, dass die Kraft für eine Ganztagstätigkeit nicht mehr ausreicht. Erst als ich akzeptieren musste, dass selbst die Halbtagstätigkeit (die nicht mehr vergleichbar war mit dem, was ich früher gemacht hatte) bzw. mein Alltag kräftemäßig nicht mehr zu schaffen war, war ich bereit, in einem Krankenhaus noch einmal mit den Fachleuten zu besprechen, wie es weitergehen soll. Erst nach deren dringender Empfehlung und Unterstützung stellte ich den Rentenantrag, der auch genehmigt wurde.

Mir war es damals extrem wichtig, die Verantwortung gegenüber einem Sozialstaat wahrzunehmen, die mit einem EM-Rentenantrag einher geht - nämlich die
(Eigen-)Verantwortung, vorab alles Mögliche zu unternehmen, um die Arbeitskraft zu erhalten. Und ich bin enttäuscht, dass es einige Mitbürger nicht mehr so sehen.

In dem Zusammenhang sehe ich eine steigende Verantwortung auf die Haus- und Fachärzte zukommen - in Hinblick darauf, ob sie einen Rentenantrag unterstützen oder nicht.

Ich sehe auch schwarz, wenn ich an die Konsequenzen denke:
Längere Bearbeitungszeiten der Rentenanträge, höhere Kosten in den Reha-Kliniken, Aktenstau in den Sozialgerichten, die ja bereits durch die hohe Anzahl von Hartz4-Streitigkeiten gelähmt sind... für die Rentenversicherung wird es damit sicherlich noch schwieriger, die wirklich schweren und gerechtfertigten Fälle von den "Wirtschaftsflüchtlingen" oder "schwarzen Schafen" zu unterscheiden. Was dazu führt, dass erst einmal fast alle Anträger in den Generalverdacht fallen, Beschwerden vorzutäuschen bzw. zu übertreiben. Dementsprechend werden viele ja bereits seit einigen Jahren behandelt. Wer einmal bei einem Rentengutachter war, weiß, was ich damit meine.

Auf jeden Fall recherchiere ich weiter.