Wiedereingliederungsprogramm oder "Hamburger Modell": Leider kein Rechtsanspruch

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Der Eintrag Stufenweise Wiedereingliederung - "Hamburger Modell" , der vor drei Jahren geschrieben wurde, ist bis heute mit Abstand der meist besuchteste und meist kommentierte Eintrag im Sozialblog. Neuere Zahlen der Deutschen Rentenversicherung Nord zeigen u.a. den Grund: In nur zwei Jahren stieg die Zahl der erfolgreichen "Wiedereingliederer" von 839 Versicherten(2008) auf 1920 (2010). Der Bedarf ist groß. Das Wiedereingliederungsprogramm wird zu Recht angenommen.

Gerade zu dem Thema scheint es immer noch zu viele Unklarheiten und Unwissen zu geben, obwohl ja Krankenkasse und Arbeitgeber detailliert Bescheid wissen sollten. Wie wir hier sehen, ist dies jedoch nicht immer der Fall.

Über viele Kommentare und die darauffolgenden Antworten haben sich im Kommentarbereich des obigen Beitrags nun sehr viele - noch unsortierte - Informationen zu dem Thema "Wiedereingliederung" angesammelt. Auf diese wollen wir in den nächsten Wochen noch einmal detaillierter und konkreter eingehen, um die Suche nach wichtigen Hilfestellungen etwas zu erleichtern.

Unklar war für viele Besucher des Blogs zum Beispiel das Thema
"Rechtsanspruch":
Das Wiedereingliederungsprogramm bzw. das "Hamburger Modell", besteht bereits seit mehr als vierzig Jahren. Aber leider hat der Arbeitnehmer keinen Rechtsanspruch auf diese Form der Rückkehr in den Beruf. D.h. ganz konkret kann sich der Arbeitgeber leider auch weigern, das Wiedereingliederungsprogramm anzuerkennen.

ACHTUNG: Für Schwerbehinderte gibt es hier eine Ausnahme nach einem Urteil von 2006 (Berufliche Rehabilitation - stufenweise Wiedereingliederung). Siehe hierzu auch folgende Erklärung der Schwerbehindertenvertretung: Schwerbehindertenvertretung: Erklärung "Hamburger Modell"

Klären sollten Sie auch folgende Frage
"Wann macht ein Wiedereingliederungsprogramm (keinen) Sinn?"
Um die Sinnhaftigkeit und damit den Erfolg eines Wiedereingliederungsprogramms zu überprüfen, sollte folgende Frage vorab - auch im Sinne des Betroffenen - ehrlich und offen geklärt werden:
Ist der Betroffene, bin ich den Anforderungen an seinem alten Arbeitsplatz überhaupt noch gewachsen nach der schweren Krankheit, oder muss nicht grundsätzlich nach einer anderen Lösung gesucht werden?

Z.B. hat sich bei psychischen Problemen das Wiedereingliederungsprogramm bewährt, wenn die "weichen" Arbeitsplatzbedingungen (Atmosphäre, Stimmung etc.) stimmten. Sobald jedoch klar ist, dass Spanungen oder Konflikte im Unternehmen bzw. rund um den Arbeitsplatz nicht bereinigt werden können, ist das Rückfallrisiko für den Betroffenen zu groß. Einen großen Stellenwert haben hier sicherlich Themen wie "Mobbing" und "Arbeitsüberlastung".

Dies kann ich durch eigene Erfahrungen bestätigen. Mein erster Versuch, mit dem Hamburger Modell wieder in meinem Beruf einzusteigen, scheiterte aufgrund von Mobbingversuchen meines Chefs. Mein Hausarzt beendete damals das Programm bereits nach sechs Wochen, da es mir schnell wieder schlechter ging. Erst als mein Chef nicht mehr im Unternehmen beschäftigt war (einige Monate später), konnte ich das Wiedereingliederungsprogramm wieder aufnehmen und mit Erfolg abschließen. Hier hatte ich natürlich Glück und genügend Rückendeckung von seiten der Unternehmensleitung. Wäre mein Chef geblieben, wäre mir nur die Kündigung übrig geblieben.

Daher: Überprüfenn Sie mit Ihrem Arzt/Rehaberater/Sozialberater in Abstimmung mit Ihrem Arbeitgeber, ob es realistisch ist, in dem bisherigen Unternehmen gesund zu arbeiten oder ob nicht die Unternehmenssituation an sich bereits krankheitsfördernd war und ist. Ein Arbeitsplatzwechsel wäre dann eher anzuraten.

Bei Menschen, die vor ihrer Erkrankung schwere körperliche Arbeit geleistet haben, und die nun trotz Genesung diese garnicht mehr leisten können, ist ein Wiedereingliederungsprogramm auch nicht unbedingt das Mittel der Wahl. Ideal wäre hier z.B. ein unternehmensinterner Wechsel, z.B. von der Werkstatt oder der Fabrikhalle in den Außendienst oder ins Büro.

Quellen: U.a. Hamburger Abendblatt vom 25.11.2011, Sozialblog


Aktualisierung am 09.07.2012: Seit Kurzem gibt es aufgrund eines Urteils neue Erkenntnisse: Im Zusammenhang mit dem Betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM), das für alle deutschen Arbeitgeber gesetzlich verpflichtend ist, kann das stufenweise Wiedereingliederungsprogramm eingeklagt werden! Detaillierte Informationen finden Sie u.a. hier:

Betriebliches Eingliederungsmanagement: Stufenweise Wiedereingliederung jetzt einklagbar!