Gilt in Deutschland freie Klinikwahl für Patienten?

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Das Nachrichtenmagazin Focus wirbt in der Ausgabe vom 26. Mai 2012 mit dem Titel "Deutschlands beste Kliniken" (weitere Infos hier). Gleichzeitig wird in dem dazugehörigen Artikel über das freie Klinikwahlrecht in Deutschland berichtet. Dies gelte laut Focus für Privatpatienten und etwas eingeschränkt auch für GKV-Versicherte.

Versicherte der Gesetzlichen Krankenversicherten hätten etwas weniger Möglichkeiten, sich frei zu entschieden, so der Focus. Denn laut Sozialgesetz müssten Patienten der Gesetzlichen Krankenversicherungen auf jeden Fall damit rechnen, dass ihnen entstehende Mehrkosten ganz oder teilweise berechnet werden, wenn sie sich "ohne zwingenden Grund" für eine andere Klinik entscheiden als der einweisende Arzt (dieser trägt in der Regel die von ihm empfohlene Klinik auf dem Einweisungsschein ein). Mehrkosten entstehen laut Focus vor allem durch die Fahrtkosten zu Kliniken, die weiter entfernt liegen.

Anmerkung aus eigener Erfahrung:
Es ist möglich, dass Sie die Fahrtkosten zur Klinik auch übernehmen müssen, obwohl der einweisende Arzt genau dieselbe Klinik im Einweisungsformular einträgt. So war es zumindest bei mir - u.a. erhielt ich einen Anruf von der Krankenkassen-Sachbearbeiterin, die mir erklärte, dass die Kasse die Kosten nur übernimmt, wenn ich die Fahrtkosten selbst trage...

In dem Bericht des Focus wird als Problemlösung vorgeschlagen, die gewünschte Klinik unbedingt vom ärztlichen Einweiser auf dem Einweisungsschein notieren zu lassen. Darüberhinaus gäbe es laut der AOK keine Pflicht, sich in das nächstgelegene Krankenhaus zu begeben, auch wenn dieses "Gerücht hartnäckig kursiert".

Soweit die Theorie und die Erklärung im Focus-Bericht...

Die Praxis sieht leider ein wenig anders aus:
Auch wenn - was der Regelfall sein sollte - sich ein Patient an die Klinik wendet, die auf dem Einweisungsschein steht, ist es nicht immer einfach, von der entsprechenden Krankenkasse die Kosten für den stationären Aufenthalt genehmigt zu bekommen.

Zumindest kenne ich genügend Fälle (vor allem bei psychischen Erkrankungen), in denen Krankenkassen trotz übereinstimmender Formulare (Atteste, Einweisungsschein, Unterlagen wie z.B. Vorgesprächsprotokolle der Klinik und Kostenanträge) nicht mit der Klinikwahl einverstanden waren - obwohl alle behandelnden Ärzte und die Klinik sich darüber einig waren, dass dies die mit Abstand geeignete Klinik sei. Da wird argumentiert, dass ein stationäre Aufenthalt nicht notwendig sei, dass stattdessen eine Reha angesagt sei, dass die Behandlung aktuell nicht angebracht sei, dass die gewünschte und vom Arzt empfohlene  Klinik keine Vertragsklinik der betreffenden Krankenkasse sei etc. etc. Gegenargumente gibt es genügend, um einen Klinikaufenthalt in der gewünschten Klinik nicht genehmigt zu bekommen...

Ein Patient tut gut daran, sich hier fachlich unterstützen zu lassen. Denn es kostet manchmal viel Zeit und Nerven, um die passende und individuell richtige Behandlung zu erhalten... teilweise gehen Monate, gar Jahre ins Land.
 
Des Weiteren gibt es (psychiatrische und psychosomatische) Krankenhäuser und Kliniken, die Patienten abweisen mit der Argumentation, dass diese nicht in ihrem Einzugsbereich wohnen und dass daher andere Krankenhäuser für sie zuständig seien. Manche Krankenhäuser mit Spezialstationen (z.B. Traumafolgestörungen) haben zudem inzwischen aufgrund der starken Nachfrage den Radius begrenzt, z.B. behandeln diese in der Regel nur noch Patienten aus einem Umkreis von 150 km.

Wenn dann die Zeit drängt, z.B. bei einem Notfall, bleibt erst recht keine Zeit für die Recherche und für die Durchsetzung der ärztlichen Einweisung bzw. des Patientenwunsches... Da muss geschaut werden, in welchem Krankenhaus überhaupt noch ein Bett frei ist...

Mein Fazit?
Vieles ist nur die halbe Wahrheit... u.a. dieser Bericht des Focus.
Es ist schön zu wissen, dass "...94 Prozent der Patienten in Deutschland die freie Krankenhauswahl 'sehr wichtig' finden...".
Es wäre jedoch auch wichtig zu wissen, wie viel Prozent der Patienten diese Wahl denn in der Realität überhaupt haben bzw. wie vielen diese Wahl verwehrt wird aus unterschiedlichsten (v.a. Kosten-) Gründen. Die Autoren verzichteten zumindest darauf, über all die Schwierigkeiten zu schreiben, die zumindest GKV-Versicherte bei einer Klinikeinweisung in der Realität haben können. Und ich bin überzeugt, dass nicht alle Leser des Focus privatversichert sind bzw. dass Patienten der Privatversicherungen da auch manchmal Probleme haben. Schade!


Quelle: Focus Magazin vom 26. Mai 2012, eigene Erfahrungen, Erfahrungen aus dem Bekannten- und Freundeskreis

 


2 Kommentare

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... da dürfte folgender Artikel doch ziemlich interessant sein. Es gibt anscheinend einen Gesetztentwurf, der die "freie Klinkwahl" noch mehr einschränken soll (die Krankenkassen sollen dann mehr als "Einweiser" fungieren dürfen). Glücklicherweise ist dieser Entwurf extrem umstritten. Wir können nur hoffen, dass er nicht weitere Bedeutung erreichen wird. Hier mehr Infos: Strittiger Plan: Kassen sollen Krankenhauseinweiser werden.

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... eine grauslige Idee... hoffentlich wird die nicht umgesetzt. Denn das wäre wirklich schlimm.

Ich habe übrigens zu dem Thema noch einen weiteren Artikel bei spiegel online gefunden:

Kassen sollen Patienten Kliniken empfehlen.