Spiegel-Beitrag über Private Krankenversicherungen: "Der Tarif-Schwindel"

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In der aktuellen Ausgabe von "Der Spiegel" ist ein recht vernichtender Beitrag über die Privaten Krankenversicherungen (PKV) zu finden. Versehen mit dem Titel "Der Tarif-Schwindel" wird u.a. aufgezeigt, dass etlichen Versicherten bei Abschluß ihrer Privaten Krankenversicherungen garnicht bewusst war, welche Bedingungen, Pflichten und Rechte sie mit Vertragsabschluss besiegelt hatten.

Grundsätzlich herrscht ja heute noch die Überzeugung, dass Privatpatienten in vielen Praxen und Krankenhäusern bevorzugt werden.
Dies ist sicherlich manchmal (aber auch nicht immer) der Fall. Mein Mann und ich haben da in der Praxis schon einiges erlebt: Während er als Privatpatient sich des Öfteren gegen unnütze und überzogene Diagnostik wehren muss (manche Ärzte rechnen da schon gern ab), werde ich bedarfsgerecht versorgt und muss bei Fachärzten eher mal nachfragen, ob eventuell eine Röntgenaufnahme nicht doch sinnvoll wäre. Und wenn wir an demselben Tag bei ein- und demselben Facharzt um einen Vorsorge-Termin bitten, dann können wir davon ausgehen, dass ich Wochen später "dran" bin als mein Mann... soweit dazu. D.h. mehr oder weniger: Als einigermaßen gesunder (und junger) Mensch ist man in der Privaten Krankenversicherung immer noch gut aufgehoben.

Aber was ist, wenn man älter wird? Was passiert, wenn eine chronische oder ernsthafte Erkrankung auftritt? Und worauf muss man sich einstellen, wenn eine Familie hinzu kommt?
Vielen Versicherten wird erst im Ernstfall (z.B. schwere Krankheit) klar, unter welchen Bedingungen ihre Krankenkasse entstandene Kosten übernimmt bzw. Behandlungen oder Hilfsmittel bezahlt. Und da leisten die Privaten Versicherungen laut des Spiegel-Berichts um einiges weniger als gedacht: Immer mehr Privat Versicherte müssen Widerspruch einlegen, um Leistungen bezahlt zu bekommen bzw. nicht auf notwendigen Behandlungskosten sitzenzubleiben - und müssen dann leider feststellen, dass der von ihnen gewählte Tarif in der Tat einige Leistungen nicht beinhaltet.

Im Spiegel werden einige Gründe für die zunehmend schlechte Versorgung der Privat Versicherten genannt:
- Z.B. wurden früher (und werden auch heute noch) Krankenversicherungen vor allem über den Preis bzw. über den billigsten Tarif verkauft, d.h. viele zukünftig Versicherte haben sich zuerst am Tarif und nur sekundär an den damit verbundenen Leistungen orientiert. Die Annahme "Je günstiger, desto weniger Leistung" wurde anscheinend kaum getroffen. D.h. viele Privat Versicherte haben sich - teilweise ohne es zu wissen - an einen Tarif "...mit  gefährlichen Lücken..." (Der Spiegel) gebunden.

- Die Vertragsbedingungen und damit auch die Leistungen sind so komplex formuliert, dass Otto Normalverbraucher bei Vertragsunterzeichnung in der Regel garnicht wissen kann, was er unterschreibt und was er zu erwarten hat, wenn er krank wird.

- Viele Versicherungsberater sind fachlich schlecht bzw. nur oberflächlich (teilweise sicherlich auch nicht ganz ehrlich), so dass sie ihre Klienten in der Regel garnicht adäquat auf Schwierigkeiten, Bedenken, eventuelle Selbstkosten etc. hinweisen können.

-  Zudem stehen viele Privaten Krankenversicherungen finanziell stark unter Druck.

Die Politik kennt das Problem, will hier auch einige Schiefstände beheben. Aber je nach politischer Richtung verlaufen die angestrebten Ziele bzw. Handlungsvorschläge in eine völlig gegensätzliche Richtung.

Für Otto Normalverbraucher ist aktuell vor allem eines wichtig:
- Neue Versicherungsangebote von Privaten Krankenversicherungen und Zusatzversicherungen detailliert überprüfen
- Sich von einem fachlich versierten und vor allem ehrlichen Berater die aktuellen und (neue angestrebte) Versicherungen überprüfen lassen
- Bei festgestellten und riskanten Leistungslücken die Privatversicherung kontaktieren, um durch einen neuen Tarif einiges zu bereinigen. 

Gut ist sicherlich in diesem Zusammenhang, wenn Otto Normalverbraucher bereits eine Rechtsschutzversicherung besitzt. Denn die könnte hier vonnöten sein! Oder wie "Der Spiegel" sehr hart formuliert: "...Wer beim Vertragsabschluss danebengegriffen hat, kann nicht mehr viel tun. Es sei denn, er hat eine gute Rechtsschutzversicherung. ..."

Mehr und detailliertere Informationen finden Sie in dem angesprochenen Beitrag von Der Spiegel Ausgabe 24/2012.

PS:
Ich persönlich finde den Artikel sehr aufschlussreich. Gleichzeitig habe ich jedoch ein Problem damit, dass nicht auf die Probleme der Gesetzlichen Krankenversicherten (GKV) eingegangen wird bzw. der Anschein geweckt wird, dass ein Versicherter der GKV alle - theoretisch angebotenen - Leistungen problemlos erhält. Der Spiegel hat zwar recht, wenn er darauf hinweist, dass manche Leistungen, die in den Tarifen der PKV nicht berücksichtigt werden, im Katalog der Gesetzlichen Krankenversicherungen  "...fest verankert..." sind. Gleichzeitig werden jedoch auch dort immer öfter gerade die - gesetzlich verankerten - Leistungen oder Hilfsmittel (erst einmal) nicht bewilligt - aus den unterschiedlichsten Gründen. Egal, ob Psychotherapie oder Hilfsmittel - auch hier kommen viele Gesetzlich Versicherte nur durch Widerspruch weiter und warten unter Umständen Monate oder Jahre auf eine Entscheidung.

PPS:
Übrigens schrieb die "Stiftung Warentest" bereits vor über einem Jahr über die Leistungslücken bei den Billigtarifen der Privaten Krankenversicherungen (siehe Billigtarife Private Krankenversicherung: Gefährliche Leistungslücken: finanztest 04/2011).

In einer neueren Ausgabe finden Sie u.a. Tipps und weitere Informationen zum Tarifwechsel bei Privaten Krankenversicherungen (auch die Kommentare sind nicht uninteressant). Bitte beachten Sie: Auch wenn es in diesem Artikel primär um den Wechsel in günstigere Tarife geht, sind die Tipps selbstverständlich auch bei einem Wechsel hin zu umfangreicheren Leistungen zu beachten. Den Artikel finden Sie unter folgendem link: Private Krankenversicherung: In einen günstigen Tarif wechseln

Quellen: Der Spiegel 24/2012, finanztest 04/2011, www.test.de, eigene Erfahrungen, Erfahrungen anderer ehemaliger Mitpatienten/-innen





2 Kommentare

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Zumindest als Kurzartikel ist das auch bei Spiegel-Online nachzulesen:

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/tarife-der-privaten-krankenversicherer-schuetzen-haeufig-nur-mangelhaft-a-837964.html

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Merci für den link!!!!

Um unserer lösungsorientierten Haltung auch in diesem Punkt gerecht zu werden, hier noch ein paar Anlaufstellen, die kontaktiert werden können, wenn Unsicherheiten, Probleme etc. mit den Privaten Krankenkassen auftreten:

Ärger mit der PKV: Wichtige Adressen.