Ratschläge für Menschen ohne Krankenversicherung

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In Deutschland herrscht seit 2009 die Krankenversicherungspflicht für gesetzlich und auch privat Versicherte. Trotzdem schätzt der Malteser Hilfsdienst, dass zurzeit ungefähr 100.000 Bundesbüger nicht krankenversichert sind.

Bundesbürger ohne Krankenversicherungsschutz werden zum Teil nur mit Vorkasse behandelt und verzögern daher teilweise lebenswichtige Untersuchungen und Behandlungen. Betroffen sind vor allem ältere Kleinselbständige, die früher aufgrund der niedrigen Beiträgen die Privaten Krankenversicherungen bevorzugten, jedoch in den letzten Jahren mit den extremen Beitragssteigerungen nicht mehr mithalten konnten und damit aus dem Krankenversicherungsschutz herausfielen.

Falls Sie in einer ähnlichen Situation stecken, also zum Beispiel ihre aktuelle private Krankenversicherung nicht mehr bezahlen können oder den Versicherungsschutz bereits verloren haben, sollten Sie unbedingt folgende Informationen und Ratschläge beherzigen:


a) Der Wechsel in die gesetzlichen Krankenversicherungen ist für Selbstständige nicht mehr möglich. Nur Angestellte haben mehr Glück: Sie können wieder in eine gesetzliche Krankenversicherung wechseln, sofern sie jünger als 55 Jahre sind und 2012 ein Brutto-Jahressgehalt unter der Entgeltgrenze von 50.850 Euro vorweisen. 

b) Bitte bedenken Sie jedoch, dass die privaten Krankenkassen seit 2009 verpflichtet sind, ehemals privat Versicherten einen sogenannten Basistarif anzubieten. Dies gilt auch für chronisch kranke und/oder ältere Menschen! Risikoausschlüsse und -zuschläge wegen Vorerkrankungen sind im Basistarif verboten. Nur Alter und Geschlecht dürfen noch bei der Beitragskalkulation des Basistarifs berücksichtigt werden. Die Leistungen, die in dem Basistarif enthalten sind, entsprechen denen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Sie dürfen maximal so teuer sein wie der monatliche Höchstbeitrag in der GKV. Aktuell liegt dieser bei rund 580 Euro.

c) Aufgrund der Versicherungspflicht verlieren Sie Ihren Versicherungsschutz nicht, auch wenn Sie Ihre Beiträge nicht bezahlen. In einem solchen Fall ruhen die Leistungen. Der Versicherte erhält - egal ob gesetzlich oder privat versichert - nur noch unaufschiebbare Leistungen, beispielsweise bei akuten Erkrankungen oder Schmerzzuständen sowie bei Schwangerschaft und Mutterschaft.

d) Das heißt jedoch im Umkehrschluß für Sie, dass Sie die Beiträge für die Monate, in denen Ihr Versicherungsschutz "ruhte", irgendwann einmal nachzahlen müssen. Falls Sie hier Zahlungsschwierigkeiten haben, sprechen Sie dies bitte offen bei der Versicherung an. Laut des Malterser Hilfsdienstes können im Einzelfall Ratenzahlungen oder individuelle Lösungen vereinbart werden.

e) Für Hartz-IV-Empfänger gilt seit Neuestem: Empfänger von Arbeitslosengeld II, die privat krankenversichert sind, bekommen ihre Beiträge in voller Höhe von der Arbeitsagentur erstattet (das Urteil finden Sie hier). Siehe hierzu auch folgenden Blogbeitrag: Hoffnung: Schuldenerlass für Hartz IV-Empfänger in der Privaten Krankenversicherung

f) Wenn Sie merken, dass Sie die steigenden Beiträge bei Ihrer Privaten Krankenversicherung nicht mehr bezahlen können, sollten Sie sich so schnell wie möglich mit einem Kundenberater aus Ihrer Krankenversicherung kurzschließen, um mit diesem gemeinsam zu überprüfen, auf welche Leistungen Sie verzichten könnten. Darüberhinaus ist der Kundenberater verpflichtet, Ihnen einen Wechsel in die teilweise günstigeren Neukunden-Tarife anzubieten.

g) Falls Ihre Krankenversicherung Ihnen eine höhere Selbstbeteiligung anbietet, was mit niedrigeren Beiträge einhergeht, sollten Sie dieses Angebot ablehnen: Gerade wenn Sie älter sind, könnten diese Selbstkosten im Krankheitsfall sehr schnelle immense Höhen annehmen.

h) Holen Sie sich im Zweifelsfall noch einmal Rat von einer unabhängigen Sozialberatung (z.B. www.malteser-migranten-medizin.de) oder einer Verbraucherzentrale vor Ort (www.verbraucherzentrale.de ) .

i) Im akuten Notfall bietet die Malteser Migranten Medizin kostenlose medizinische Versorgung für Menschen ohne Krankenversicherung. Detaillierte Informationen finden Sie auf der gleichnamigen Website www.malteser-migranten-medizin.de. Aber auch im Blog haben wir schon über einen Mediziner in Schleswig-Holstein berichtet, der kostenlos behandelt (siehe Praxis ohne Grenzen - medizinische Gratisversorgung).

Quelle und weitere Informationen:
Apotheken-Rundschau: Leben ohne Krankenversicherung: Eine Betroffene berichtet
Spiegel online: Gratisärzte - Notaufnahme für die Mittelschicht
Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen: Rückkehr in die Krankenversicherung
www.sozialleistungen.info: Hartz IV: Private Krankenversicherung muss voll bezahlt werden


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Nachtrag:

Die Malteser Migranten Medizin hat in Hessen einen weiteren Standort errichtet. Zusätzlich zu den Notfallpraxen in Frankfurt am Main und Darmstadt finden Hilfesuchende am Herz-Jesu-Krankenhaus in Fulda Unterstützung. die Sprechstunde ist alle 14 Tage jeweils am Dienstag von 14 bis 18 Uhr. Die Behandlungen sind kostenlos - egal, ob die Menschen unter Zahnschmerzen, Tumor- oder Infektionskrankheiten leiden.

Mehr Infos finden Sie unter der oben angegebenen Webadresse.

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Hi,

folgende Neuerung bei den Krankenversicherungen sollen helfen, die Beitragsschulen zu minimieren:

Sozialblog: Stichtag 1. August 2013: Schuldenerlass für säumige Mitglieder der Krankenversicherungen .

Trauen Sie sich, zumindest Ihre Krankenversicherung anzurufen, wenn Sie aktuell aufgrund fehlender Beiträge nicht versichert sind. Es gibt Lösungen!

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... und im aktuellen Spiegel (Nr. 31 vom 29.07.13) finden Sie einen weiteren Artikel über die Lage der nicht-versicherten Menschen in Deutschland. Es sollen weitaus mehr sein als geschätzt. Infolge dessen nimmt die Not, gleichzeitig aber auch das Engagement bereits berenteter Ärzte zu. In immer mehr Städten werden Kranke unentgeltlich behandeln, Spenden für notwendige Behandlungen werden gesammelt etc. Mit dem neuen Gesetz wird man sicherlich nicht die große Not in den Griff bekommen; es kann und darf nur ein Anfang sein. Weitere Tagen und vor allem auch Absprachen mit den neuen EU-Ländern müssen folgen!

Lesetipp:
Spiegel 31: "In einer medizinschen Schattenlandschaft behandeln Ärzte ehrenamtlich nichtversicherte Patienten", Seite 48 bis 50.